KI-Agenten sollen selbst bezahlen können: Visa und Mastercard entwickeln „Know Your Agent“
KI Agenten können längst nicht mehr nur Informationen suchen oder Texte erstellen. Sie sollen zunehmend selbstständig Aufgaben erledigen, Produkte vergleichen, Buchungen vorbereiten und Entscheidungen innerhalb definierter Grenzen treffen. Damit entsteht eine neue Frage: Was passiert, wenn ein KI Agent nicht nur einen Kauf empfiehlt, sondern die Transaktion selbst durchführen soll?
Visa, Mastercard und Ant International arbeiten deshalb gemeinsam an einem neuen Konzept namens „Know Your Agent“. Ziel ist es, KI Agenten im digitalen Zahlungsverkehr eindeutig identifizieren und ihre Berechtigungen überprüfen zu können. Damit entsteht eine technische Grundlage für eine Form des Onlinehandels, bei der künftig nicht mehr ausschließlich Menschen einkaufen, sondern auch KI Systeme in ihrem Auftrag handeln.
Vom Einkaufsberater zum handelnden Agenten
Heute nutzen viele Menschen KI bereits zur Vorbereitung von Kaufentscheidungen. Sie lassen Produkte vergleichen, Reisen planen oder Empfehlungen erstellen. Der eigentliche Kauf wird anschließend jedoch meistens vom Menschen selbst durchgeführt.
Agentische KI könnte diesen Ablauf verändern. Ein Nutzer könnte einer KI beispielsweise den Auftrag geben, eine passende Zugverbindung zu finden und innerhalb eines bestimmten Budgets zu buchen. Die KI müsste dann nicht nur Informationen recherchieren. Sie müsste einen Anbieter auswählen, eine Transaktion vorbereiten und möglicherweise selbstständig eine Zahlung auslösen. Spätestens an diesem Punkt braucht das Zahlungssystem eine Möglichkeit zu erkennen, wer gerade handelt und in wessen Auftrag die Handlung erfolgt.
„Know Your Agent“ soll eine digitale Identität schaffen
Genau hier setzt die Initiative von Visa, Mastercard und Ant International an. Das sogenannte Know Your Agent Framework soll es verschiedenen Zahlungsnetzwerken, digitalen Wallets, Agentenplattformen und Marktplätzen ermöglichen, KI Agenten eindeutig zu identifizieren.
Bei einer Transaktion soll nachvollziehbar sein, welcher Agent gehandelt hat und welchem verifizierten Nutzer oder Unternehmen dieser Agent zugeordnet ist. Damit soll verhindert werden, dass beliebige automatisierte Systeme ohne nachvollziehbare Identität Transaktionen durchführen können. Gleichzeitig soll die Identifikation über verschiedene Plattformen und Zahlungsnetzwerke hinweg funktionieren.
Das Framework baut dabei auf bereits vorhandenen Ansätzen der beteiligten Unternehmen auf. Dazu gehören das Trusted Agent Protocol von Visa, Verifiable Intent von Mastercard und das Agentic Mobile Protocol von Ant International. Ziel ist nicht ein einziges geschlossenes System, sondern eine gemeinsame Grundlage, über die unterschiedliche Anbieter KI Agenten erkennen und überprüfen können.
Die Absicht des Nutzers muss überprüfbar werden
Eine eindeutige Identität des KI Agenten reicht allerdings nicht aus. Entscheidend ist eine zweite Frage: Hat der Nutzer diese konkrete Transaktion tatsächlich autorisiert?
Mastercard arbeitet dafür unter anderem mit dem Konzept „Verifiable Intent“. Dabei soll technisch nachvollziehbar werden, welche Handlung ein Nutzer einem KI Agenten tatsächlich erlaubt hat. Ein Agent könnte beispielsweise die Berechtigung erhalten, einen bestimmten Artikel bis zu einem maximalen Betrag zu kaufen. Eine deutlich teurere Alternative oder ein anderes Produkt wäre von dieser Freigabe nicht automatisch abgedeckt.
Damit entsteht eine technische Trennung zwischen der Fähigkeit eines Agenten und seiner tatsächlichen Berechtigung. Diese Unterscheidung wird für agentische KI grundsätzlich wichtig. Nur weil ein System technisch eine Aktion durchführen kann, bedeutet das nicht, dass es diese Aktion auch durchführen darf.
Warum Unternehmen das Thema beobachten sollten
Auf den ersten Blick klingt das Thema vor allem nach Zukunftsmusik für den Onlinehandel. Die zugrunde liegende Entwicklung betrifft jedoch deutlich mehr Unternehmen. KI Agenten werden zunehmend Zugriff auf reale Unternehmenssysteme erhalten. Sie können beispielsweise Bestellungen vorbereiten, Termine koordinieren, Angebote vergleichen oder Beschaffungsprozesse unterstützen.
Sobald daraus wirtschaftlich relevante Aktionen entstehen, werden Identität und Berechtigungen entscheidend. Unternehmen müssen nachvollziehen können, welcher Agent eine Aktion ausgeführt hat, welcher Nutzer dahinterstand und welche Berechtigung für diese Aktion vorlag.
Genau deshalb sind Konzepte wie Know Your Agent auch außerhalb des klassischen Zahlungsverkehrs interessant. Sie zeigen, welche Infrastruktur benötigt wird, wenn KI Systeme zunehmend selbstständig handeln. Die zentrale Frage verschiebt sich dann von „Was kann die KI?“ zu „Was darf diese konkrete KI in diesem konkreten Auftrag tun?“
Auch Händler müssen sich auf KI Agenten einstellen
Die Entwicklung verändert möglicherweise nicht nur die Seite der Käufer. Auch Onlineshops und digitale Anbieter könnten künftig stärker mit KI Agenten statt ausschließlich mit menschlichen Besuchern interagieren.
Mastercard geht in einer aktuellen Prognose davon aus, dass bis 2030 mehr als 300 Millionen Menschen beim Onlineshopping regelmäßig KI Agenten einsetzen könnten. Diese Zahl ist eine Prognose und keine feststehende Entwicklung. Sie zeigt aber, welche Größenordnung Zahlungsanbieter inzwischen für möglich halten.
Für Händler könnte das bedeuten, dass Produktinformationen künftig nicht nur für Menschen verständlich und attraktiv aufbereitet werden müssen. Auch KI Systeme müssen Preise, Verfügbarkeiten, Lieferbedingungen, Produktmerkmale und andere Informationen zuverlässig erfassen können. Damit könnte sich langfristig auch verändern, wie digitale Angebote technisch aufgebaut und für automatisierte Systeme zugänglich gemacht werden.
Was bedeutet das für den Mittelstand?
Für mittelständische Unternehmen ist Know Your Agent vor allem ein Hinweis darauf, wie schnell sich KI von einem Informationswerkzeug zu einem handelnden System entwickelt. Viele Unternehmen beschäftigen sich heute noch mit der Frage, wie Mitarbeitende ChatGPT, Copilot oder andere KI Anwendungen sinnvoll einsetzen können. Die nächste Entwicklungsstufe geht bereits weiter.
KI Systeme erhalten Zugriff auf Unternehmenssoftware, führen definierte Prozesse aus und können perspektivisch auch wirtschaftliche Transaktionen anstoßen. Damit müssen Unternehmen frühzeitig Regeln für solche Systeme entwickeln. Welche Aktionen darf ein Agent selbstständig ausführen? Welche benötigen eine menschliche Freigabe? Welche finanziellen Grenzen gelten? Wie wird dokumentiert, welcher Agent eine Entscheidung getroffen hat? Und wie kann eine Berechtigung wieder entzogen werden?
Diese Fragen werden zu einem zentralen Bestandteil der KI Governance. Unternehmen sollten deshalb nicht erst dann über Berechtigungen und Verantwortlichkeiten nachdenken, wenn KI Agenten bereits tief in ihre Prozesse integriert sind.
Fazit: Mit Know Your Agent bereiten Visa, Mastercard und Ant International den Zahlungsverkehr auf eine Welt vor, in der KI Agenten selbstständig Transaktionen durchführen können. Entscheidend wird dabei nicht nur die technische Fähigkeit eines Agenten, sondern seine eindeutig nachweisbare Identität und Berechtigung. Für mittelständische Unternehmen ist das ein weiterer Hinweis darauf, dass KI Governance künftig deutlich stärker mit Zugriffsrechten, Identitäten und konkreten Handlungsspielräumen verbunden sein wird.
Quellen: Ant International, Reuters, Mastercard: Agent Pay, Mastercard: Report on AI agents in commerce